Meine Freundin
Franziska liebte einen Hochstapler.
Eine Geschichte, wie man sie aus dem Kino kennt, passierte einer Frau, mit einem mutigen Herz und scharfem Verstand.
Es kann jedem passieren. Und genau darum hat sie
ihre Geschichte aufgeschrieben.
Fränzi, ich bin so stolz auf die Frau, die Du geworden bist; Eine, die mit Liebe vorwärtsgeht und auch in schlimmen Momenten das Gute und Schöne sehen kann.
Ich habe Dich von Herzen lieb!!!
Ich liebte einen Hochstapler
Ich liebte einen Mann, von dem
ich mich verstanden, herausgefordert und angenommen fühlte. Mit ihm war
ich ganz ich. Und dafür liebte ich ihn. Dieser Mann setzte Vertrauen,
Ehrlichkeit und Offenheit über alles.
Seit ein paar Tagen weiss ich: Dieser Mann belog mich. Dieser Mann
betrog mich. Dieser Mann nahm mein Vertrauen, meine Liebe, mein
Verständnis, meine Loyalität und gab mir Lügen über Lügen. Nichts, was
er je sagte, ist wahr. Weder seine Lebensgeschichte, noch seine Liebe.
Weder der Traumjob, den er mir vermitteln wollte noch sein eigener
Lebensunterhalt. Dieser Mann stürzte sich nicht nur emotional, sondern
auch finanziell beim mir in Schulden, die er nicht bereit war, zu
begleichen. Und schliesslich trat er meine Treue mit seinen Füssen -
neben mir verwickelte er gleichzeitig drei weitere Frauen in seine
Machenschaften. Ich liebte einen Hochstapler und dies ist meine
Geschichte.
In den letzten Tagen ist das Kartenhaus dieses Mannes zusammengestürzt,
dessen Teil ich seit letztem April gewesen war. Stück für Stück wird
die Wahrheit nun zusammengefügt und zeigt das Bild eines Menschen,
dessen ganzes Leben und Handeln ein einziges schmarotzendes
Lügengebilde ist.
Wieso ich euch das erzähle? Weil ich nicht still schweigen will. Weil ich mich nicht schämen will. Weil es eine schwierige Geschichte aber nicht das Ende der Welt ist. Und weil so etwas jedem passieren kann. Lest weiter nach dem Break.
Ist es nicht der grösste Wunsch eines jeden, erkannt und als seiner
selbst mit seinem ganzen Wesen angenommen und geliebt zu werden? Genau
das war es, was ich mit diesem Mann erlebte. Kein endloses
Honigschlecken, keine eintönige Einstimmigkeit, sondern ein lebendiger,
anregender Dialog über das, was uns bewegte. Offenheit, Ehrlichkeit,
Vertrauen, Akzeptanz. Über alles reden zu können - auch über Dinge, die
nicht einfach sind. Es fühlte sich so gut, so richtig an mit ihm.
Und dann war plötzlich alles anders. Ein
Stimmungsumschwung innerhalb von Tagen. Streit. Diskussionen. Tränen.
War es das, ein Traumstart mit jähem Ende? Als die Diagnose Depression
kam, war ich, nun, nicht erleichtert, aber doch froh, um diese Erklärung
für die Distanz, die Launen, das Schweigen, den Rückzug. Ich bin immer
ehrlich und werde immer ehrlich sein, hatte er mir immer wieder
versprochen. Und nun stand mein Lieblingsmensch vor mir ganz grau mit
einem leeren Blick: Er wisse nicht, wie es für ihn weitergehe, er
brauche Zeit, für sich, er könne mich nicht glücklich machen, solange er
das Glück nicht für sich finde. Er wolle mich nicht festhalten. Aber
ich sei ihm der liebste Mensch, er wolle mich nicht verlieren. Aber er
würde mir den Raum geben, den ich brauche. Natürlich hielt ich zu ihm.
Mein Mensch, mein Mann, mein Herz. Nimm dir Zeit, wir schaffen das.
Ich las Ratgeber über Depression, ich übte mich in emotionaler
Grosszügigkeit, ich verzieh und vergab die Distanz, die Stille, die
Abweisung, die Negativität. Er wollte weder eine gemeinsame
Therapiesitzung, noch meine Nähe, noch über sich oder die Dinge reden,
die ihm hätten gut tun können. Er meldete sich tagelang nicht, versprach
Anrufe, die nie kamen. Und ich gab mehr als die Logik erlaubte, ich
hoffte weiter als die Vernunft, ich lernte, dass der Weg bis zum Ende
der Liebe viel weiter geht, als ich bis anhin gewusst hatte.
In diesen Monaten versprach er, mir durch seine Kontakte einen Job zu
vermitteln, von dem ich schon immer geträumt habe und ich versprach, ihn
mit meiner Unterschrift und ein wenig Geld zu unterstützen, als seine
Geschäftsparterin Hals über Kopf die gemeinsam Agentur verlies.
Ich glaube, ich habe ein gutes Gespür für Menschen. Und es
gab immer wieder unstimmige Momente, bei denen sich mein Häärchen
aufgestellt hatten. Nur... entweder entschliesst man sich in diesen
Momenten dafür, einem Menschen zu vertrauen und darauf, dass die
bestmögliche Erklärung die Wahrheit ist. Oder man entschliesst sich,
nicht zu glauben und den anderen zu stellen. Nach Wochen des zerrissenen
Hin und Hers entschloss ich, ihm mein Vertrauen zu schenken.
Doch der Job zögerte sich über Wochen und Monate hinaus. Und nicht nur
die Sache mit dem Job. Es war frustrierend, dass sich seine Aussagen
immer veränderten und in diesem kontinuierlichen Wandel für mich
unfassbar und uneinschätzbar waren. Ich war immer wieder mit Zweifeln
konfrontiert. Und doch stand ich zu diesem, meinem wundervollen Mann,
den ich ihn den Fängen und Limitationen der Depression glaubte.
Es war schwierig, es war
anstrengend und es brauchte viel von mir. Ich lernte viel. Über die
Liebe, das Zusammensein, und darüber, was es heisst, sich selbst zu
sein. Ich lernte, dass ich mich auch glücklich machen kann, wenn es
einem geliebten Menschen nicht gut geht. Ich lernte, dass ich immer eine
Wahl habe. Trotz all dem, was war und passierte, fühlte es sich für
mich richtig an, da zu sein, wo ich war und das zu geben, was ich gab.
Bis es nicht mehr gut war.
Ein versprochener Telefonanruf zu viel, der niemals stattfand. Eine an
mir ausgelassene Stimmung zu viel. Ein Mal zu viel ausgewichen, wenn ich
auf ihn zuging. Ein Mal zu viel die Hand weggezogen. Ein Mal zu viel
geschwiegen. Ein Mal zu viel überhört, was ich sagte.
Eine Depression ist keine Laune. Aber man kann für einen Menschen nur da
sein, wenn dieser Mensch es einem auch erlaubt. Und dieser Mensch
erlaubte es mir nicht mehr. So wie ich zu Beginn unserer Beziehung mit
allem von mir bei ihm willkommen war, so sehr ging nun gar nichts mehr.
Das einzige, was ich noch geben durfte, wären Texte und Unterschriften
für seine Agentur gewesen. Und so konnte und wollte ich nicht mehr.
Dieses Reservoir in mir, aus dem ich monatelang Kraft und Mitgefühl und
Liebe und Vertrauen geschöpft hatte, war leer. Ich wollte nicht
misstrauen. Aber ich konnte nicht mehr vertrauen. Ich wollte ihn nicht
verlassen. Aber ich hielt seine Art, mit mir umzugehen, nicht mehr
länger aus. Ich wollte zu seinem Glück beitragen aber nicht auf Kosten
meines eigenen Wohlbefindens, meines eigenen Seelenfriedens.
Ich sagte nicht nein zu diesem Mann, für den ich immer noch hoffte, dass
er zu seinem früheren Selbst finden würde, sondern nein zu seiner
zerstörerischen Art. Vorwürfe, Schweigen, Stille. Ich hatte Angst um
ihn. Und bei meinem letzten einsamen Besuch in seinem leeren Büro,
betrat ich jeden Raum mit dem klammen Gefühl, er könne tot vor mir
liegen. Hatte ich ihn im Stich gelassen, als er mich am meisten gebracht
hätte? Diese Frage ging mir nicht aus dem Herzen. Und doch wusste ich,
dass ich für mein eigenes Glück richtig gehandelt hatte.
Wochen später der Anruf, es geht mir besser, die
Depression ist hinter mir, ich will vorwärts gehen, ich habe dich
vermisst, ich möchte dich in meinem Leben behalten, wenn du das noch
willst. Und könntest du mir noch einmal deine Unterschrift geben? Ich
rufe dich morgen an, lass uns wieder einmal so richtig zusammen reden.
Zum letzten Mal hoffen? Ja, für diesen Menschen schon.
Doch er rief nicht an. Zum millionsten Mal nicht. Und ich wusste in
meinem Herzen, dass es vorbei war, Türe zu, fertig gehofft, fertig
mitgefühlt, fertig, fertig, fertig. Ich wollte mir nicht mehr Sorgen
machen, ich wollte nicht mehr Chancen geben, ich wollte nicht mehr den
Mensch ihn ihm suchen, den ich einmal geliebt hatte, ich wollte nicht
mehr. Die Unterschrift gab ich ihm nicht. Und er beendete, was auch
immer wir noch waren, mit vorwurfsvollen Worten, ohne Kampf, ohne
Bemühung, ohne die Liebe, von der er einmal gesprochen hatte.
Am Ende brauchte es nur eine Nachricht und ein Telefonanruf von
seiner früheren Geschäftspartnerin. In einem einzigen Gespräch erklären
sich all diese unstimmigen Momente, die ich immer wieder fühlte mit der
schlimmst möglichen Wahrheit: Lug, Betrug, Schulden, weitere Frauen,
die wie ich vertrauten und liebten und noch mehr Lügen. Herauszufinden,
dass alles eine riesige, verstrickte Lüge ist, in die so viele weitere
clevere, selbstbewusste, tolle, vertrauensvolle Frauen involviert sind,
nimmt eine schon fast absurde Dimension an. Was dieser Mann gemacht hat,
was dieser Mann immer nochmacht, übersteigt mein Verständnis.
Nennt mich naiv, aber ich wollte ihm die Chance geben, ehrlich zu werden
und sich zu erklären. Ich schrieb ihm, ich streckte ihm die Hand ein
letztes Mal aus, um seiner Willen hinzustehen, mir das Geld, dass er mir
schuldete zurückzuzahlen, mir die Wahrheit zu gestehen, mir wenigstens
diesen letzten Wert zu erweisen, das zu sein, was er immer hatte sein
wollen: ehrlich und offen.
Doch er stritt ab. Er warf mir vor, eingenommen zu sein. Er drohte mir,
mich anzuzeigen (wegen was, weiss ich nicht). Er sagte, ich solle mich
nie wieder melden.
Und jetzt? Nun, ich bin von all den Beteiligten mit
GROSSEM Abstand am glimpflichsten davon gekommen. Es tut gut, zu wissen,
dass ich mich für mich entschieden hatte, bevor mich die Wahrheit
überrollen konnte. Mir geht viel durch den Kopf und Schlaf ist derzeit
nicht einfach zu finden. Aber das wird vorbei gehen. Geld kann ich
wieder verdienen. Einen bangen Aidstest später weiss ich, dass er mir
meine Gesundheit und meine Träume von einer Familie nicht genommen hat.
Und mein Herz, mein Geist, mein Vertrauen und meine Liebe sind getestet
worden, weiss Gott, aber sie sind dabei gewachsen und stark geworden.
Es ist schlimm, was dieser Mensch getan hat... immer noch tut. Ich
möchte, dass er dafür gerade steht. Und ich habe eine Verantwortung,
jetzt hinzustehen und dies zu sagen. Wie das rechtlich aussehen wird,
zeigt sich in den nächsten Wochen. Doch vielmehr als als Rachegöttin mit
den mir zur Verfügung stehenden Mitteln diesem Mann hinterher zu jagen,
möchte ich die Lektionen mitnehmen, die ich im letzten Jahr gesammelt
habe, möchte mir auf die Schultern klopfen, mich umarmen für die Frau,
zu der ich geworden bin. Es ist so unglaublich wichtig, dass wir
vertrauen - uns, anderen, den guten Mächten, die unser Leben begleiten.
Und wenn dieses letzte Jahr nur schon passierten musste, um mein
Vertrauen zu stärken, dann war es gut.
Denn eines kann dieser Mann nicht berühren,
mein Glück, meine Lebensfreude, mein wunderbares Leben. Am Ende des
Tages bin ich umringt von einer grossartigen Familie, den besten
Freunden der Welt und einem Leben, in das ich mich jeden Tag ein wenig
mehr verliebe. Ich werde mit Gusto und Frieden im Herzen weiterleben.
Was dieser Mann bei mir auch zerschlagen, betrogen, getäuscht und
verletzt haben mag, wie auch immer er sich dafür wird verantworten
müssen, er lebt schon seit langem jeden Tag in einer Hölle seines
eigenen Schaffens. Und das ist ein Leben, dass ich niemandem wünsche.